Dieser Beitrag erschien erstmals in unserem neusten Infoblatt Psychiatrie #143 (Januar 2026)
2025 gab es eine Vielzahl von Veranstaltungen zum 50. Jubiläum der Psychiatrie-Enquête. Gleichzeitig überschlagen sich seitdem Meldungen zum Abbau des psychosozialen Versorgungssystems, wie wir es in den letzten Jahren kannten. Als kleiner Selbsthilfeverein haben wir den Pleitegeier ja schon öfter über uns kreisen sehen und dies auch hier im Infoblatt thematisiert. Bisher ist es dann doch immer gut ausgegangen. Dennoch bemerken wir in den letzten Monaten eine Zunahme von (drohenden) Kürzungen und Einsparungen, die langfristig auch die gemeindepsychiatrische Versorgung in ernste Gefahr bringen und sich auf die Selbsthilfe deutlich auswirken werden.
Die Sparmaßnahmen betreffen bisher bereits die Kinder- und Jugendhilfe, die Behindertenhilfe, die psychosoziale Versorgung für geflüchtete Menschen, Hilfs- und Schutzangebote für Frauen und queere Personen, wie aus der Presse bekannt ist. Wir lesen seit Jahren immer wieder, dass Frauenhäuser aus allen Nähten platzen. Die Trauma-Fachstelle am Gesundheitsamt Nürnberg, die es als bundesweites Vorzeigeprojekt gibt, wird wahrscheinlich aus finanziellen Gründen nicht weitergeführt werden können. Ebenso wie die Flüchtlingshilfe der Rummelsberger Diakonie, bei der 2026 auch wieder Förderprogramme auslaufen werden. In Mittelfranken wissen wir seit November 2024, dass es für das Jahr 2025 keine Stellenerweiterung für die weiteren sozialen Fachdienste aus Mitteln der Haushaltsstelle 4701 des Bezirks Mittelfranken geben wird. Die Befürchtung, dass dies auch für 2026 gilt, stand bereits damals im Raum und wurde bald Gewissheit. Diese fehlende Stellenerweiterung traf beispielsweise die Hängematte e.V. besonders hart, der damals schon ein Stellenanteil von 0,5 geholfen hätte, eine vorübergehende Schließung zu verhindern.
Wir Feiern und wir Bangen
Ende des Jahres 2025, in dem Jahr, in dem es vor Feierlichkeiten zu “50 Jahre Psychiatrie-Enquête” nur so wimmelte, ging es mit den Hiobsbotschaften weiter. Am 16.09.2025 würdigten Politiker beim von KISS organisierten “Bundesweiten Selbsthilfetag” das unermüdliche Engagement der Selbsthilfe. Bei einer folgenden Veranstaltung von SEKO Bayern wurde schnell klar, dass die anwesenden Mitglieder des Bayerischen Landtags gerne bereit waren, die Selbsthilfe zwar mit warmen Worten zu unterstützen, aber ehrenamtliche Arbeit unbezahlt bleiben soll und auch die professionellen Verwaltungsstrukturen wie Kontaktstellen dazu eher mit Kürzungen als mit weiterer Unterstützung rechnen müssen. Direkt am Folgetag erreichte uns auch prompt ein Spendenaufruf von KISS Mittelfranken, deren Erlanger Räume nur noch zu 20% vom Bezirk gefördert werden. Am Rande der Auftaktveranstaltung zum Jubiläum der Psychiatrie-Enquête der Stadtmission erfuhren wir, dass die Jugendreha der Stadtmission aus finanziellen Gründen geschlossen werden muss. Diese Einrichtung war eine wichtige Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit psychischen Schwierigkeiten. Die Schließung stellt die betroffenen Familien vor große Schwierigkeiten.
In Mittelfranken schien die sozialpsychiatrische Versorgung zumindest einigermaßen gesichert, wenn sich auch die SpDis und weitere Dienste in absehbarer Zukunft nicht angemessen vergrößern können. Aber wir fürchten inzwischen, dass die Einschläge näher kommen. Während wir noch mit und beim Bezirk Mittelfranken die Errungenschaften der Psychiatrie-Enquête feierten, erreichte uns die Information, dass die unterfränkischen PSAG eine Petition starten mussten, da dort die ersten Sozialpsychiatrischen Einrichtungen mangels finanzieller Mittel zum Ende des Jahres von Schließung bedroht seien.
Eine weitere alarmierende Mail der Fachgesellschaft DGPPN vom 06.11.2025 zeigt schnell, dass es nicht nur um die ambulante Versorgung geht, sondern Budgetkürzungen, die psychiatrische stationäre Versorgung ebenfalls beschneiden. Zitat: “Rotstift wird die Versorgungsqualität nachhaltig verschlechtern”.
Projekte ja, Verstetigung nein!
Eine weitere Erkenntnis, die uns in unserer Arbeit immer wieder begleitet, ist die Tatsache, dass es zwar viele tolle Leuchtturm-Projekte gab und gibt, die es jedoch nie in die Verstetigung schaffen. Dies stellt die Arbeit von vielen sehr engagierten Menschen, Vereinen und Einrichtungen immer wieder aufs Neue in Frage und lässt uns daran zweifeln, ob der Erhalt und Ausbau von Hilfsangeboten überhaupt erwünscht ist. Frust bei den Beteiligten, fehlende Wertschätzung, unsichere Jobs und ein hoher finanzieller Aufwand mit geringer Nachhaltigkeit sind die Folgen. Blickt man über die eigene Region hinaus, stellt man schnell fest, dass dies ein deutschlandweites Problem ist.
Folgen für die psychosoziale Versorgungslandschaft
Die Finanzierung von Beratung, Projektangeboten und Selbsthilfe zu reduzieren oder gar auszusetzen bedeutet letztlich auch höhere Folgekosten, die man durch stabile Präventionsstrukturen vermeiden könnte. Eine Verweisberatung wird durch das Wegfallen von pluralen Hilfsangebote unmöglich. Damit verbunden sind längere Wartezeiten für Hilfe in Krisensituationen und bei Diagnoseverfahren. Eine Entwicklung, die wir besorgt zur Kenntnis nehmen!
